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Trigger Warnung (TW): Missbrauch

Online-Vortrag am 4.6.2021

 

Mein Weg der Heilung

„Wenn ich das hervorbringe was in mir ist, wird das was in mir ist, meine Rettung sein. Wenn ich das was in mir ist nicht hervorbringe, wird mich das, was in mir ist vernichten.“ Aus dem Thomasevangelium. Das ist meine Erfahrung. Peter Levine, ein berühmter Traumatherapeut beschreibt das in seinem Buch „Sprache ohne Worte“: „Trauma ist die Hölle auf Erden – und die Auflösung ein Geschenk der Götter“.

Hallo, ich heiße Brigitte Hagen, bin 63 Jahre alt und komme aus Süddeutschland. Ich bin seit 29 Jahren verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder. Das Thema, über das ich spreche, das es in unserer Gesellschaft eigentlich nicht geben sollte und doch Teil davon ist, ist frühkindlicher sexueller Missbrauch und Kinderpornografie.

Mein Vater und meine Mutter hatten Traumata erlebt und haben diese Muster an mich weitervererbt. Mein Vater war im ersten Weltkrieg geboren und verlor mit 4 Jahren beide Eltern. Bis zum 10. Lebensjahr lebte er bei seiner Großmutter, dann starb auch sie. Danach kam er zu Pflegeeltern, die ihn schlecht behandelten. Im 2. Weltkrieg kämpfte er an verschiedenen Fronten und kam mit erfrorenen Füßen aus Stalingrad zurück. Das rettete ihm wahrscheinlich das Leben, da viele Soldaten dort erschossen wurden.

Meine Mutter kannte ihren Vater nicht. Er starb, bevor sie zur Welt kam. Sie war eine unterwürfige Frau. Was meine Mutter im Krieg erlebte, weiß ich nicht. Wir waren uns nicht nah und heute würde ich sie gerne noch so vieles fragen. Sie starb 1982, mein Vater 1994.

Ich komme aus sehr einfachen Familienverhältnissen. Mein Vater konnte aufgrund seiner Kriegsverletzungen nicht arbeiten und war immer zu Hause. Wir lebten in einer 3- Zimmerwohnung, meine Eltern, meine Oma und 8 Kinder. Die Opferhaltung, die ich von meinen Eltern übernommen hatte, begleitete mich durch mein Leben. Ich hatte wenig Erinnerung an meine Kindheit. Wenn ich gefragt wurde, wie sie war, antwortete ich, es nicht zu wissen. War sie schön? Ich konnte keine Antwort darauf geben.

Die Schule machte mir keine Freude. Die Lehrer mochten mich nicht. Sie sahen nicht mich, meine Persönlichkeit, sondern das 5. Kind von meiner Familie. Noch bevor die Lehrer mich wahrnahmen, hatte ich diesen Familienstempel. Das Lernen fiel mir schwer und ich dachte, ich bin schwer von Begriff, wie mir oft gesagt wurde. Wenn ich laut vorlesen sollte, flogen die Buchstaben durcheinander. Das brachte mich zum Stottern und es war ein Horror für mich, vor dem ich meine ganze Schulzeit Angst hatte und zwar der Moment, wenn mich alle ansahen, ich die volle Aufmerksamkeit hatte. Dies versetzte mich in eine Art von Schockstarre.

Nach der Schule erlernte ich den Beruf der Apothekenhelferin und schulte später um auf Industriekauffrau. Während der Planung für einen Auslandsaufenthalt in Südafrika lernte ich meinen Mann kennenlernt. Wir befreundeten uns und zwei Jahre später flog ich nach Pretoria, um dort in einem Büro zu arbeiten. Als mein Freund mit seinem Studium fertig war, konnte er die Arbeit annehmen, die er wollte. Das war für uns beide in Ordnung. Wir wussten nicht, wie es mit uns weitergehen würde und telefonierten in dieser Zeit, schrieben viele Briefe und besuchten uns zweimal im Jahr. Wenn er mich besuchen kam, verbrachten wir wunderschöne Urlaube im Land, in Namibia und in Simbabwe. Abgesehen von diesem Trennungsschmerz gefiel es mir in Südafrika sehr. Unsere Freundschaft überstand diese 3jährige Fernbeziehung. Als ich zurückkam zog ich zu ihm, wir heirateten und bekamen 2 Kinder.

Mein Mann hatte ebenso wie ich eine heftige Geschichte, sonst hätten wir nicht zusammengepasst. Sein Vater war sehr streng, autoritär und terrorisierte die Familie. Er hatte einen Putzfimmel, keine Geduld und ließ niemanden an sich heran. Mein Mann litt sehr unter diesem emotionalen Missbrauch. Mit 55 Jahren nahm sich sein Vater das Leben und vergaste sich im Auto. Ich nahm als Frau das an, was meine Mutter gelebt hatte, Unterwürfigkeit und fand den Mann, der mir das gab, was mein Vater gelebt hatte, Autorität. So passten die Familienmuster perfekt zusammen. So wie Leben halt geht.

In unserer Beziehung wollte ich alles richtig machen, tat alles, um eine gute Frau zu sein, nahm mich selbst und meine Bedürfnisse immer mehr zurück. Mein Mann war ein Workoholic, arbeitete sehr viel in der IT Branche in einem amerikanischen Unternehmen. Er war sehr leistungsstark, aber bezahlte das mit seiner Gesundheit. Er litt seit seiner Jugend an Stirnhöhlenentzündungen und diese wurden immer schlimmer.

Unsere Kinder konnten die ersten Jahre nicht durchschlafen, insgesamt 3 1⁄2 Jahre hatte ich keine ruhige Nacht. Mein Schlafrhythmus war total gestört. Da mein Mann oft krank war, musste ich funktionieren und das tat ich auch. Das Familienmuster zog an mir und mein Leben wurde immer weniger lebenswert. Ich fühlte keine Freude, wurde immer trauriger und etwas kam aus mir heraus und das war etwas Böses. Ich wollte es nicht und es war doch da, Menschenverachtung. Ich war negativ und zog Energie. Ich war auch sehr hilfsbereit. Doch es kam nicht positiv an. Es blieb immer etwas negatives, schräges zurück.

Mit 40 Jahren lag ich im Bett und dachte: „wenn ich nur nicht mehr aufstehen bräuchte“. Ich erwartete nichts mehr vom Leben und wartete auf den Tod. Ich dachte, mein Leben ist vorbei, jetzt leben die Kinder und ich kann gehen. Dass ich depressiv war, bemerkte ich nicht und als unterwürfige Frau konnte ich nicht gut für mich sorgen. Mein Mann wurde immer öfter und länger krank. Er litt an seinen Stirnhöhlenentzündungen, was soviel heißt, wie er hatte die Nase voll. Er versuchte alles, was ihm Heilung versprach: Kuren, OPs und viele Behandlungen.

2001 verkauften wir unser Haus am Alpenrand und zogen von Bayern nach Baden Württemberg, von der kalten in die wärmste Region in Deutschland und hofften auf Besserung. Mein Mann konnte wegen seines Burnouts erstmal nicht mehr arbeiten.

2004 traten wir einer Gruppe bei, die von zwei Therapeuten geleitet wurde, begannen uns zu erforschen und das war der Beginn unserer Heilung. Anfangs wollte ich nicht dazukommen, ich sagte, ich sei gesund und es gehe mir gut. Was mit mir wirklich los war, erfuhr ich erst Jahre später.

Von einem Flashback möchte ich erzählen. Es war im Jahr 2005, noch bevor das Trauma aufgebrochen war. Ich saß im Zug, fuhr zu einer Freundin und las einen Roman von Tschingis Aitmatow, „Ein Tag länger als das Leben“. Darin werden die Praktiken eines Kirgisenstammes beschrieben. Sie nahmen einen jungen Mann gefangen, fesselten ihn an ein Wagenrad, zogen ihm eine Kamelhaut auf den kahlgeschorenen Kopf und ließen ihn in der Sonne sitzen. Die Haut wuchs an, trocknete, drückte den Kopf zusammen und unter starken Schmerzen verlor er seine Erinnerung. Er wurde ein willenloser Sklave. Seine Mutter suchte nach ihm.

Plötzlich bekam ich rasende Herzklopfen, Panik und Angst und hatte das Bedürfnis aufzustehen und wegzulaufen. Doch wohin sollte ich laufen, ich saß im Zug. Ich legte das Buch weg und konnte es nicht mehr weiterlesen. Nach ein paar Minuten verschwanden die heftigen Emotionen. Ich hatte mich oft gefragt, warum mich diese Geschichte so stark berührte. Hatte ich so etwas erlebt? War ich die Mutter, die ihren Sohn suchte? Es gab für mich keine Erklärung. Erst viele Jahre, nach dem Traumaaufbruch wurde mir bewusst, dass mein kleiner Kopf von großen Händen festgehalten und gedrückt worden war. Dadurch verlor ich die Erinnerung.

2007, als ich 50 Jahren alt war, brach das Trauma auf. Ich fragte meine älteste Schwester, ob sie mit dem Thema Missbrauch etwas anfangen könne und sie erzählte mir, dass mein Vater sie von 6 bis 14 missbraucht hatte. Ich war geschockt. Plötzlich öffnete sich der Vorhang und ich sah, was ich erlebt hatte. Mit 4 Jahren wurde ich vergewaltigt und war Opfer von Kinderpornografie. Mein Vater brachte mich in eine Wohnung, ließ mich dort mit fremden Männern allein und sagte zu mir, ich solle brav sein. Dieses Erlebnis und was dort bei dem Missbrauch noch alles geschah, hat mir meine Würde genommen und in die Unterwürfigkeit gebracht. Mein Vater missbrauchte mich, bis ich 9 Jahre alt war. Das alles war traumatisch abgespalten, ohne jegliche Erinnerung, einfach weg. Mein Herz war eingemauert, es hatte sich geschützt und niemand kam an mich heran. Ich blieb gefangen in diesem 4-jährigen Mädchen und das fast mein ganzes Leben lang. Mein 14-jähriger Bruder missbrauchte mich, als ich 10 Jahre war. Was er mit mir gemacht hatte verstand ich nicht, weil es nicht weh getan hatte. Ich wusste nur, dass es glitschig und ekelig war. 

Bei einem weiteren Flashback erkannte ich den Vergewaltiger, er war von 6 bis zum Alter von 14 Jahren mein Zahnarzt. Ich hatte sehr große Angst vor ihm. Ich wusste nicht, warum ich vor ihm Angst hatte, dachte immer, ich sei ein Angsthase. Was ich dieser Angst geopfert habe ist das härteste, was ich habe und das sind meine Zähne. Schon alleine das Wort Zahnarzt bewirkte in mir, dass sich alle Haare hochgestellt haben. Zahnschmerzen liess ich über mich kommen, ohne darüber zu sprechen. 45 Jahre lang war Zahnarzt ein ganz schlimmes Thema für mich. Erst als das Trauma aufgebrochen ist, erkannte ich, dass dieses Thema ein Teil meines Traumas ist. Jeder darauffolgende Zahnarztbesuch war für mich Therapie. Diese Angst zu überwinden und zu heilen, viele Behandlungen, Knochenaufbau und Implantate dauerte insgesamt 12 Jahre. Ich fand einen guten Zahnarzt, war zuerst bei seiner Frau in Behandlung, fand Vertrauen und konnte dann zu ihm gehen, der Spezialist für Implantate ist.

45 Jahre nach dem frühkindlichen Missbrauch kam die Erinnerung zu mir zurück. Erst dann war ich stark genug! Durch Therapie, gute Lehrer und liebevolle Helfer, die an meiner Seite waren, konnte ich den Traumaaufbruch bewältigen. Meine größte Motivation war, dass ich das Familienmuster, das ich von meinen Eltern geerbt hatte, nicht an meine Kinder weitergeben wollte. Es war meine Aufgabe, mich davon zu lösen. Ich nahm wahr, wie sie in der Schule gemobbt wurden. Das änderte sich erst, als ich meine Opferbereitschaft erkannte, annahm und verabschieden konnte.

Mit der Erinnerung kamen die Emotionen zurück, die nicht aufgearbeitet waren, die so viele Jahre abgespalten waren von mir. Ich wollte sie fühlen. Sie begannen unten an der Innenseite der Fußknöchel und wanderten langsam nach oben durch den ganzen Körper. Diese Erinnerungen kamen viele Jahre bruchstückhaft zu mir zurück. Immer soviel, wie ich annehmen konnte, manchmal auch noch heute. Ich war meistens mit mir alleine, wenn sie kamen, wusste was es war und konnte es annehmen. Ich gab mich meinem Schmerz, der Angst, Trauer, Wut, Scham, Schuld und der Freude vollkommen hin. Ich bin eingetaucht in tiefe Prozesse und bin im Feuer stehengeblieben. Ich konnte das zuordnen und es machte mir keine Angst. Gerüche von Alkohol bereiteten mir Übelkeit (danach konnte ich ein Jahr keinen Alkohol mehr trinken), Bilder im Kopf malte ich auf die Leinwand und übermalte sie wieder, damit meine Kinder nicht sahen, was ich malte. (Schreckliche Bilder, die ein 4- jähriges missbrauchtes Kind malt.) Wörter drangen an mein Ohr („die haben wir kaputt gemacht“ und „stell dich nicht so blöde an und sei nicht so wehleidig“).

Es war wie ein Puzzle, das sich immer mehr vervollständigte. Alles was an Erinnerung zu mir zurückgekommen ist, war ein Segen. Es hat mich befreit von vielen Blockierungen und Minderwertigkeitsgefühlen. Das gab mir meine Würde zurück, hat mich von einer ängstlichen, unterwürfigen Frau in eine selbstbewusste Frau verwandelt. Vom Gespaltensein zur Ganzheit, vom Exil zurück nach Hause.

In meinem Körper lebte ein 4-jähriges Mädchen, das in sich gefangen war, das sich nicht entwickeln konnte. Erst mit den Jahren der Aufarbeitung konnte ich mich aus dem Gefängnis befreien. Ich las viele Bücher über Missbrauch. Was Frauen erlebt haben berührte mich, ich wusste, ich bin nicht alleine und das machte mir Mut zu heilen. Das Buch „Trotz allem“ hat mir in dieser Zeit sehr geholfen beim mich erinnern, durchleben und heilen.

Ich war nicht berufstätig. Den ganzen Tag war ich für meine Kinder da, die ich bekochte und kümmerte mich um unser Haus und den Garten. Ich war nie fertig mit meiner Arbeit, fühlte mich immer überfordert, war umständlich und auch ein wenig chaotisch. Mein Mann kam spät von der Arbeit nach Hause, wir aßen, er spielte mit den Kindern, was ihm sehr wichtig war und ging früh ins Bett.

Was hat dieser Missbrauch mit mir gemacht? Die Folgen machten aus mir eine ängstliche, schwache, unterwürfige Frau, ohne Selbstwert mit einer sehr kleinen Persönlichkeit. Viele Seelenanteile habe ich bei dem Missbrauch verloren. Ich konnte keinem Menschen vertrauen und war immer auf mich alleine gestellt.

Ich hatte mein ganzes Leben lang Angst davor fotografiert zu werden, oder im Mittelpunkt zu stehen. Ich habe immer ängstlich geschaut auf den Fotos und dachte, ich sei unfotogen. Heute weiß ich, dass das der schreckverzerrte Gesichtsausdruck war, aus Angst vor der Kamera. Als junge Frau wollte ich keine weiße Hochzeit haben, denn dann hätten mich alle angeschaut und mich fotografiert. Das hätte ich nicht ausgehalten.

Es hat mir sehr geholfen, über meine Verletzungen zu sprechen, die Erinnerungen zuzulassen und meine Emotionen zu leben, zurückzuholen, die mich als 4-jähriges Mädchen total überfordert und gespalten hatten. Sie waren in meinen Zellen gespeichert. Die Erinnerung stirbt nicht mit der Zelle, sondern wird weitergegeben, von Zelle an Zelle.

Die Heilung hat mich zu einer lebendigen, freundlichen Frau gemacht. Plötzlich lächelten mich Menschen auf der Straße an, das fiel mir auf. Irgendwann begriff ich, dass ich es war, die die Menschen anlächelte und sie mit einem Lächeln antworteten. Ich fand immer mehr Vertrauen und bemerkte, wie mich jeder Schritt, den ich in die Aufarbeitung ging, glücklicher, klarer, stärker, zufriedener, selbstbewusster machte und mich aus meiner Opferrolle befreite.

Viele Jahre habe ich Männer gehasst und mich vor ihnen gefürchtet, ohne zu wissen, woher das kam. Das war ganz tief unten in meinem Unterbewusstsein vergraben, darüber war Schuld und Scham, Wut, Angst und Trauer. Angst und Trauer habe ich mein ganzes Leben gelebt. Erst durch den Traumaaufbruch habe ich das gefunden, was den Männerhass ausgelöst hatte. Wenn ich daran denke, was mit mir passiert ist, dann ist es normal, Hass für Männer zu empfinden. Vielen Frauen geht das so, auch das ist ein Problem, das vererbt wird von Mutter zur Tochter. Es geht von einer Generation zur nächsten über. Wenn eine Mutter Männer hasst und sich vor ihnen fürchtet, so wie das bei mir auch der Fall war, fühlen das auch die Söhne. Sie trinken das mit der Muttermilch. Ein Sohn kann Frauen nicht lieben, weil er den Hass spürt und hat dann Probleme, Frauen in der Tiefe zu achten. Er wird dann auch Frauen schlecht behandeln und vielleicht sogar auch hassen. Es wird Zeit, dass wir diesen Teufelskreis aufbrechen, das heilen, was es zu heilen gibt und den Frieden finden und leben zwischen Frau und Mann.

Hier ein paar Fakten vom Verein Dunkelziffer in Hamburg:
Der Besitz von Kinderpornografie ist erst seit 1993 unter Strafe gestellt.

2018 gab es laut Polizeistatistik 7450 angezeigte Fälle von Kindesmissbrauch,

2019 gab es 15.936 angezeigte Fälle.
Die Dunkelziffer wird auf das 10-fache geschätzt.
75 % der Fälle finden im sozialen Umfeld der Kinder statt.
90 % der Täter sind männlich und 20 % davon selber noch minderjährig.

Übergriffe auf Jungen sind genauso alltäglich wie auf Mädchen.
Die Täter gibt es in allen Gesellschaftsschichten.
Die Folgen für die Kinder können deren Leben nachhaltig beeinträchtigen.

Als Kind konnte ich mich nicht wehren oder für mich eintreten. Das ist die Aufgabe von uns erwachsenen Menschen. Wie kann es sein, dass Kinder, unser wichtigstes Gut, missbraucht, verletzt und entwürdigt werden. Das muss aufhören. Es beginnt damit, dass wir unsere eigenen Verletzungen heilen und zu unserer eigenen Unverletztlichkeit, Würde und Liebe zurückfinden. Nur dann können wir den Kindern helfen. Täter müssen erkennen, dass ihre Neigungen krank sind und sich Hilfe holen.

Ich habe meine Aufgabe gefunden und angenommen. Bin durch meine Prozesse gegangen, die mich gefordert und gefördert haben. Ich fasste Mut und Vertrauen, ging durch den dunklen Tunnel und sah am Ende das Licht. Dies hat viele Jahre gedauert und doch war es wichtig, diesen Weg zu gehen. Unterstützt bei der Heilung haben mich therapeutische Gruppenprozesse, Körpertherapien, Familienstellen, stille und dynamische Meditationen, schamanische Reisen, Tanzen, Singen, Kreativität in Form von malen und filzen. Die Ausbildung zur Kunsttherapeutin brachte mir vieles an Eigenerfahrung und Verständnis für diese Prozesse.

Ich bin eine Überlebende und habe das Erleben geübt. Als erwachsene Frau konnte ich das 45 Jahre später durchleben und damit heilen.

Es gibt ein Leben vor und nach dem Traumaaufbruch. Vorher war ich wie im Nebel. Dieser hat sich geklärt. Übrigens Nebel rückwärts gelesen heißt Leben. Ich bin noch einmal zurück gegangen. Jetzt erkenne ich, dass es Zeit ist vorwärts zu gehen, denn wer nur zurück blickt, sieht nicht was kommt. Ich will Mut machen, dass es möglich ist, Verletzungen zu heilen, durch das mutige Hinschauen, Aufarbeiten und Auflösen.

Dass ich heute auf der virtuellen Bühne stehe, hätte ich mir nie vorstellen können. Durch die Heilung meines Traumas und dem Wissen, dass es viele Frauen gibt, die Missbrauch erlebt haben, sehe ich die Notwendigkeit, mich damit zu zeigen. Darüber zu sprechen, wie angst- und schambesetzt mein Leben war. Heute realisiere ich, wie schön das Leben ist und möchte jeder Frau den Wunsch ans Herz legen zu heilen, zu vergeben, den Frieden in sich zu finden und den Frieden zwischen Frau und Mann.

Was ist Heilung?
Heilung ist das Umarmen dessen, was man am meisten fürchtet.

Heilung ist das Öffnen dessen was verschlossen war.
Das Weichwerden dessen, was zur Blockade verhärtet war.

Heilung besteht darin zu lernen, dem Leben zu vertrauen.

- Jeanne Achterberg

Danke für die Aufmerksamkeit.

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